Henriette Leinfellner arbeitet vor allem mit den Medien Zeichnung, Collage und Druckgrafik. Seit Mitte der 1990er-Jahre integriert sie Kartografie in ihre druckgrafische und zeichnerische Arbeit und verwendet sie als Ausgangspunkt für Prozesse der kreativen Transformation. Eine übergeordnete Thematik ihrer Arbeit ist die Metapher der Reise als physische und mentale Bewegung.

Geometrische Anleihen und kartografische Strukturen sowie Systeme von Zeichen und Codes werden aufgegriffen, weiterentwickelt und durch druckgrafische und zeichnerische Prozesse transformiert. Kartografische Ordnungssysteme dienen dabei nicht der eindeutigen Orientierung, sondern werden zu offenen Strukturen, die sich im künstlerischen Prozess verändern und neu formieren.

Der seit 2015 entstandene Zyklus Gea, eine Folge von Graphitzeichnungen, ist intuitiv motiviert. Leinfellner beginnt die Zeichnungen spontan und frei, ohne Vorzeichnungen, und lässt sie im Prozess wachsen. Auch hier tauchen vereinzelt Zeichen und Codes auf, die sparsam in die Zeichnungen integriert werden und zwischen Lesbarkeit und Abstraktion oszillieren.

Ihr Interesse am Kreislauf des Werdens und Vergehens zeigt sich insbesondere im Zyklus Jardin – Naturstudien. Die mit Farbstift auf Papier ausgeführten Arbeiten setzen sich mit natürlichen Wachstums- und Veränderungsprozessen auseinander und verstehen Natur nicht als statisches Gegenüber, sondern als fortwährenden Prozess von Entstehen, Transformation und Vergehen. 


Claudia-Maria Luenig (*1957, Herbern, Deutschland) lebt und arbeitet in Wien.

Von 1985 bis 1999 arbeitete Luenig in Canberra und Melbourne, wo sie 1992 einen Bachelor of Arts in Sculpture und 1998 einen Master of Arts in Interior Design erwarb. Ihre künstlerische Praxis bewegt sich zwischen Skulptur, Raum, Installation und prozessorientierten Formen der Auseinandersetzung mit Material und Wahrnehmung.

Luenig hat an zahlreichen nationalen und internationalen Ausstellungen in Europa, Australien und Asien teilgenommen, unter anderem in Albanien, Armenien, Deutschland, Bulgarien, Frankreich, Griechenland, Australien, Italien, Nordmazedonien und China. Zu ihren internationalen Arbeitsaufenthalten zählen zahlreiche Residencies, darunter eine viermonatige Residency in Paris im Jahr 2019.

Von 2004 bis 2023 betrieb Luenig den autonomen Ausstellungsraum [basement] in Wien. Der Raum verstand sich als unabhängige Plattform für österreichische und internationale Künstler*innen und entwickelte Ausstellungen im Dialog mit jeweils wechselnden Jahresthemen. Die Arbeit im [basement] war geprägt von Offenheit, Austausch und der Bereitschaft, Ausstellungsformate als experimentelle Situationen zu begreifen.

Seit der Schließung des physischen Raums in der Grundsteingasse im Mai 2023 führt Luenig dieses Konzept mit BASEMENT ON THE MOVE in veränderter Form weiter. Der Ausstellungsraum wird dabei nicht mehr als fixer Ort verstanden, sondern als mobiles und wandelbares Format, das sich an unterschiedlichen Orten und in unterschiedlichen Kontexten neu konstituiert.

 

Drawing - an Empirical Strategy?

A Study of Appearances

Henriette Leinfellner (AT) / Claudia-Maria Luenig (AT/DE)

In Zusammenarbeit mit basement on the move


Ausstellung

Arbeitsbeginn | Freitag, 7. Mai 2027

Eröffnung | Donnerstag 13. oder Freitag, 14. Mai 2027

Ausstellungsdauer | bis 28. Mai 2027

Öffnungszeiten | jeweils Mittwoch - Freitag, 15 - 18 Uhr und nach Vereinbarung.


Das Programm von basement on the move 2027 setzt sich mit den Begriffen AUSTAUSCH und TRANSFORMATION auseinander.

Dabei geht es nicht um ein gemeinsames Ausstellungsthema im klassischen Sinn. Vielmehr wird der Austausch selbst zur künstlerischen Methode: Künstlerische Praktiken, Ideen, Materialien, Arbeitsweisen und unterschiedliche kulturelle Erfahrungen treffen aufeinander, beeinflussen sich gegenseitig und verändern sich im Prozess der Begegnung.

Die Projekte bringen Künstler*innen aus unterschiedlichen geografischen und künstlerischen Zusammenhängen zusammen. Im Mittelpunkt stehen Situationen, in denen Zusammenarbeit, Dialog und Experiment nicht nur begleitende Elemente, sondern Teil der künstlerischen Arbeit werden. Die Ausstellungen verstehen sich daher nicht allein als Orte, an denen fertige Arbeiten gezeigt werden, sondern als Räume des Arbeitens, der Begegnung und der Veränderung.

Jedes Projekt entwickelt aus dieser Ausgangslage eine eigene Fragestellung und eine eigene Arbeitsweise. Gemeinsam ist ihnen das Interesse an offenen Prozessen, an dem, was sich erst im Tun entwickelt: am Unfertigen, Fragmentarischen und Vorläufigen, aber auch an Brüchen, Zufällen und Widersprüchen.

Austausch als Arbeitsweise

Austausch kann auf unterschiedliche Weise stattfinden: zwischen Künstler*innen und Disziplinen, zwischen verschiedenen kulturellen Erfahrungen, aber ebenso zwischen Materialien, Techniken und Formen des Denkens und Arbeitens.

Für basement on the move bedeutet Austausch deshalb mehr, als unterschiedliche Positionen in einer Ausstellung zusammenzuführen. Es geht darum, Wissen, Erfahrungen und Methoden in Bewegung zu bringen. Arbeitsweisen werden miteinander konfrontiert, übernommen, verändert oder unterbrochen. Materialien werden in neue Zusammenhänge gebracht und können dadurch eine andere Bedeutung annehmen. Aus der Begegnung können neue Formen entstehen, die in der individuellen Arbeit allein möglicherweise nicht entstanden wären.

Der Ausgang des Prozesses ist dabei nicht vollständig festgelegt. Beobachtung, Gespräch, Experiment und das unmittelbare Arbeiten mit Materialien können den Verlauf verändern. Die Ausstellung entsteht somit teilweise aus dem Prozess selbst.

Das schafft Raum für

  • unfertige und sich verändernde Arbeiten

  • Fragmente und vorläufige Strukturen

  • unerwartete Verbindungen und produktive Widersprüche

  • die Weitergabe und Veränderung künstlerischer Methoden

  • die Wiederverwendung und Neu-Kontextualisierung von Materialien

  • unterschiedliche kulturelle und künstlerische Perspektiven

  • gemeinsames Arbeiten und ortsspezifische Reaktionen

  • Zeichen, Codes, Muster und visuelle Systeme als Formen des Austauschs und der Kommunikation

Der Prozess wird selbst zum Bestandteil der Ausstellung.

Je nach Projekt kann daraus eine raumgreifende Installation entstehen, die sich während der Ausstellung weiterentwickelt. Ebenso können unterschiedliche Formen der Präsentation entstehen, in denen gemeinsam entwickelte Arbeiten mit den jeweils eigenständigen künstlerischen Praktiken der Beteiligten in Beziehung treten.

Die Künstler*innen bestimmen die Entwicklung ihrer Arbeiten und die endgültige Form der Ausstellung. basement on the move schafft dafür den Rahmen, stellt Infrastruktur und kuratorische Begleitung zur Verfügung und ermöglicht die Begegnung. Was aus dieser Begegnung entsteht, bleibt offen – und ist Teil des künstlerischen Prozesses.


Die erste Ausstellung des Jahres 2027 widmet sich der Natur der Arbeit an einem vergänglichen, ephemeren Konzept. Henriette Leinfellner und Claudia-Maria Luenig setzen dabei die prozessorientierte Serie Active Drawing fort und untersuchen Systeme, Strategien und Denkweisen, die unterschiedliche künstlerische Positionen und deren Methodiken miteinander verbinden.

„Als Technik, die die Wahrnehmung schärft, besitzt das Zeichnen bereits von Natur aus die Fähigkeit, in diesem Sinne Forschung zu betreiben; der Begriff ‚Zeichnungsforschung‘ ist somit im Wesentlichen eine Wiederholung dieses Konzepts. Das hier gewonnene Wissen entfaltet sich in zwei Phasen: erstens durch die Erfahrungen, die ich während des Forschungsprozesses, d. h. beim Zeichnen, mache; und zweitens durch die Erkenntnisse, die die daraus resultierenden Zeichnungen anschließend auch anderen offenbaren.“
— Oliver Thie

Dabei geht es nicht unbedingt um Forschung im wissenschaftlichen Sinn, um empirische Datenerhebung oder deren Auswertung. Vielmehr wird Zeichnen als Methode und als Denk- und Handlungsstrategie verstanden: als eine Weise, ein Phänomen von Interesse konkret werden zu lassen, es zu untersuchen, zu spekulieren und zu improvisieren; hinzuzufügen und wegzulassen, auszugleichen und zuzulassen.

Das Zeichnen wird so zu einem offenen Versuchsfeld, in dem Wahrnehmung und Handlung unmittelbar ineinandergreifen. Aus der Wiederholung von Gesten, Entscheidungen und Reaktionen können grafische Codes entstehen – vielleicht sogar eine Form von „idiotischer“ grafischer Abstraktion, die sich einer eindeutigen Lesbarkeit entzieht und gerade dadurch neue Möglichkeiten des Sehens eröffnet.

Diese Codes bilden ein vorläufiges Fundament für die Erforschung von Erscheinungsformen. Sie sind nicht Ergebnis einer abgeschlossenen Untersuchung, sondern Spuren eines fortlaufenden Prozesses. In ihnen zeigt sich etwas, das sich ständig verändert, verschiebt oder auflöst. Der ephemere Charakter ist dabei nicht lediglich ein Thema der Arbeiten, sondern wird zu einer Arbeitsweise: Das Flüchtige, Vorläufige und Unwiederholbare wird selbst zum Gegenstand und zugleich zum Medium der Forschung.