Parallel Vienna 2021.

Rosa Andraschek: 412 Namen, 2019

Rosa Andraschek: 412 Namen, 2019

PARALLEL VIENNA 2021 findet vom 7. September bis 12. September 2021 zum neunten Mal in Wien statt und bleibt ihrem Ansatz treu, temporär leerstehende Gebäude als Präsentationsplattform für zeitgenössische Kunst zu nutzen.

 

About Landschaft

Eine Ausstellung mit Rosa Andraschek (A), Elisabeth Falkinger (A), Christina Gruber (A), Tony Heywood (GB) und Hannah Stippl (A)


Ausstellung

Eröffnung | Dienstag, 7. September 2021, 17:00 – 22:00 Uhr

Ausstellungsdauer | 8. bis 12. September 2021

Mittwoch - Freitag 13:00 – 20:00 Uhr, Samstag - Sonntag 12:00 – 19:00 Uhr


Ort | Ehemalige Semmelweisklinik, Haus 2, Hockegasse 37, 1180 Wien

"Vertraute Landschaften verändern für immer ihr Gesicht", so titelte Focus Mitte März 2021 in Sorge über den drohenden Verlust des deutschen Waldes. Die Gegenwart lässt vertraute Aussichten und Begriffe ins Bodenlose taumeln. Anthropozän, Klimakrise, Covid-19 Pandemie: Der Mensch kann seine Position als unbeteiligter Betrachter nicht länger halten. Die Natur ist distanzlos geworden und, als Problem, omnipräsent. Wir begegnen ihr im Supermarktregal, im Wetterbericht, in der Autowerbung - sie alle haben längst ihre Unschuld verloren. Sind Landschaften überhaupt noch mehr als sentimental-nostalgische Erinnerungsstücke?

Am Beginn dieses Projektes steht mit der Frage nach der Landschaft eine Definition. In ihrem Buch mit dem bezeichnenden Titel ‚Vieldeutige Natur’ formulieren Thomas Kirchhoff und Ludwig Trepl eine idealtypische Definition von Natur als ‚Landschaft’, ‚Wildnis’ und ‚Ökosystem’ entlang der philosophisch geläufigen Unterscheidung des ästhetischen, des moralisch-praktischen und des theoretischen Urteils.

Wir gehen davon aus, dass Auffassungen von Natur als Landschaft auf einem ästhetischen, von Natur als Wildnis auf einem moralisch-praktischen und von Natur als Ökosystem auf einem theoretischen Urteil beruhen, wobei die primäre Urteilsform die jeweilige Naturauffassung nicht unbedingt vollständig bestimmt. Mit anderen Worten: Primär ist Landschaft ein ästhetischer, Wildnis ein moralischer und Ökosystem ein theoretischer Gegenstand bzw. Begriff von Natur.
— Thomas Kirchhoff & Ludwig Trepl

Auch in dieser Definition zeigt sich das Problem des Anthropozäns, denn die vielfachen Verflechtungen von Ästhetik, Theorie und Moral erweisen sich als gordischer Knoten, der sich nicht mehr so einfach durch theoretische Setzungen zerschlagen lässt. Das Ausstellungsprojekt versucht den Überlagerungen und Vermischungen, den Sprüngen und Rissen dieser Wahrnehmungsweisen nachzugehen und verweist auf die mit ihnen verbundenen Vor-Urteile. Wie in Mehrfachbelichtungen scheinen unterschiedliche Wahrnehmungs- und Urteilsformen in jeder einzelnen Arbeit auf. Doch erst der Hintergrund der Definition zeigt das Ausmaß der Verwerfungen, die den gemeinsamen Nenner der teilnehmenden KünstlerInnen ausmachen.

Und - nein, es gibt keine Lösung, keine Möglichkeit sich zu entziehen, keine einsamen Inseln oder unentdeckten Kontinente, die noch zur Verfügung stehen, kein jenseitiges Paradies, keinen Aufbruch zu neuen Planeten. Es gilt zur Welt zu kommen, oder, wie Donna Haraway es formuliert: “Staying with the trouble.”


Participants

 

Rosa Andraschek.

In Rosa Andrascheks Arbeit "412 Namen" ist die Landschaft nur Nebensache. Sichtbarmachen von Vergessenem und Erinnern an das Erinnern stehen im Mittelpunkt. Der Ausgangspunkt des Projekts ist die Beschäftigung mit dem ehemaligen KZ-Nebenlager Hirtenberg, das bis heute nicht durch Erinnerungszeichen öffentlich sichtbar gemacht wurde. Kaum etwas ist noch sichtbar, ein paar Ruinen der Munitionsfabrik, Wiese, nichts weiter.

“Doch die Wiese selbst unterscheidet sich durch nichts von jeder anderen, landwirtschaftlich genutzten Wiese. Wir sehen also – genau betrachtet – nichts. Oder: Wir sehen, dass buchstäblich Gras über die Sache gewachsen ist. Oder aber: Wir sehen, wie jemand versucht, uns eine Vorstellung vom Vergangenen zu geben.” — Gudrun Ratzinger

Die Erinnerung versucht vergeblich sich an den Aufnahmen der Ruinen festzuhalten, hier Zeichen der monströsen Vergangenheit wahrzunehmen. Ein wehmütiges Bild der Vergänglichkeit? Keineswegs, denn hier gilt die Trauer nicht dem Verfall der Gebäude, sondern es gilt ihre ehemalige Existenz und ihre Opfer zu betrauern.

Rosa Andraschek (*1995), studiert Bildende Kunst sowie Politikwissenschaft und Geschichte in Wien. Sie beschäftigt sich mit Orten, Personen, Strukturen und Geschichte. Ausgehend von einem politischen Landschaftsbegriff kreisen ihre Arbeiten um Fragen des Erinnerns und Gedenkens und der Zugänglichkeit von Räumen. Anhand verschiedener Strategien wie archivarischer und wissenschaftlicher Recherche und der Zusammenarbeit mit Historiker_innen und anderen Personen entwickelt Andraschek künstlerische Arbeiten und Projekte. Dabei arbeitet sie mit Medien wie Fotografie, Installation und Intervention.


Elisabeth Falkinger.

Auf einer Reise ins ukrainische Theresiental verliebte sich Elisabeth Falkinger in einen alten, roten Traktor. Sie fuhr mit ihm zurück nach Österreich, drei Monate waren "T." und "E." - statt "Traktor" und "Elisabeth" - unterwegs. “Diese Reise war für Traktor und mich der erste Schritt einer längeren Entdeckungsreise, während der wir Gemeinsamkeiten fanden und unsere Grenzen ausloteten. T.E. haben sich gefunden."

Die neuen Stadtentwicklungsgebieten Wiens werben mit dem perfekten Wohn- und Freizeiterlebnis. Attraktive Schlagwörter wie Partizipation, Green City Concept, Shared Space oder Grünraum verkaufen die am Reißbrett konzipierten Stadtteile. Von der versprochenen Freizügigkeit bleibt letztlich nur ein Slogan. Architektur und vorbestimmte Flächenwidmungen organisieren das perfekte Leben, in dem wirklich freie Plätze rar sind und nur kontrolliert freigegeben werden.

“T.E. Honeymoon - immer am Laufen” widmet sich diesem Widerspruch. T.E. waren als Performer eingeladen sich 2 Wochen lang der neuen Stadt und der immensen Bautätigkeit vor Ort anzunähern. Doch die zuständige Development AG war mit der Performance nicht einverstanden: Ein Traktor passt nicht ins Green City Concept. T.E. durfte nur am Gelände der Notgalerie stehen, jede Interaktion mit dem Bau oder der Stadt war unerwünscht.

T.E. fahren im Kreis, sind auf der Suche nach einer neuen Aneignung der Kulturfläche. Durch das ständige Kreisen wird eine Spur gezogen, ein Kreis, der auch als eine Umfriedung, ein Zaun gedeutet werden kann.

Kamera und Schnitt: Christian Schwab

Sound: Milena A. Georgieva

Die Arbeit entstand 2020 am Gelände der Notgalerie.

Elisabeth Falkinger (*1988) ist Zeichnerin und Performerin, Musikerin, Reisende und Gärtnerin. In ihrer vielfältigen künstlerischen Arbeit analysiert sie Motive und Inszenierungen von Landschaft. Ihr besonderes Interesse gilt dabei dem komplizierten Verhältnis von Mensch und Ding. Nach einem zweijährigen Aufenthalt in den USA studierte sie Landschaftsdesign/kunst an der Universität für angewandte Kunst Wien bei Mario Terzic und Paul Petritsch. Seit 2014 ist ein roter Traktor aus dem ukrainischen Theresiental ihr künstlerisches Alter Ego. Sie lebt und arbeitet in Wien.


Christina Gruber.

Das Netzwerk aus Geräten, Verbindungskabeln und endlosen Rechenzentren ist tief im Schoß der Erde verwurzelt. Die glatten und leichten Oberflächen, auf denen wir surfen, scheinen keine Spuren zu hinterlassen. Und das, obwohl sie tief in die Umwelt eingreifen, in die Ressourcen, in die Beziehungen zwischen den Arten und in den Zustand der Biosphäre insgesamt.

"International Cloud Atlas Nr. III" beschäftigt sich mit den analogen Anteilen in der digitalen Welt, in diesem Fall Wasser. Eine digitale "Wolke" (ein Netzwerk von Servern) braucht Wasser zur Kühlung ihrer Prozessoren, um Daten mit höchster Geschwindigkeit streamen zu können. Die erste digitale "Wolke" wird im dritten Band des Internationalen Wolkenatlas beschrieben. Diese spezielle "Wolke" befindet sich in einem kleinen Dorf in Oberösterreich, Kronstorf. Hier hat Google ein Grundstück für ein zukünftiges Rechenzentrum erworben. Diese Manifestationen der digitalen Welt werden sichtbar und fügen eine zusätzliche Schicht auf der Erdoberfläche hinzu. "Digital Water" beschäftigt sich mit der Beziehung des Nutzers zu Datenströmen und der Verbindung zu Wasserströmen in der "realen" Welt. Die virtuelle Welt ist mit dem am häufigsten vorkommenden Element der Welt, dem Wasser, verbunden und gewinnt an realem Gewicht.

Christina Gruber (*1987) ist bildende Künstlerin und Süßwasserökologin. Sie arbeitet an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft; ihre Arbeiten beschäftigen sich mit gesellschaftlichen Phänomenen, die unsere Welt prägen, mit dem Menschen als treibende Kraft der Veränderung der Erdoberfläche. In den letzten Jahren ist Wasser als das Element, das alle Dinge auf der Erde gemeinsam haben, von besonderem Interesse für sie. Es ist das Bindeglied zwischen den Geschichten verschiedener Orte und Schichten, das sich durch alles zieht, was auf dieser Erde existiert, von den Wolken bis zu den Rechenzentren.Sie lebt in Wien, wo sie Störe züchtet, um eine gesunde Population in der Donau wiederherzustellen.

Fotos: International Cloud Atlas Vol. 3, credit Matthias Nemmert


Tony Heywood.

"The Postnatural Garden of Unearthly Delights" stellt keine idealisierte, angenehme Landschaft dar, kein Arkadien, das Stabilität und Beständigkeit verspricht. Das Gegenteil ist der Fall. Die theatralisch düstere hortikulturelle Installation ist eine Abbild der zunehmend entnaturalisierten Beziehung zur natürlichen Welt, eine Darstellung des anthropozentrischen Zeitalters.

In Anlehnung an Michail Bachtins Idee des Karnevalesken verwendet Heywood Humor und Chaos, um eine kämpferische Antwort zu präsentieren, eine dystopische Wiedergabe der Airbrush-Vermarktung der Natur, die täglich digital konsumiert wird. Wie im Karnevalesken werden traditionelle Strukturen ins Gegenteil verkehrt. Die Landschaft dieser hortikulturellen Installation wird nicht gehegt und gepflegt, sondern angegriffen. Der Garten ist zum Ort der Revolte geworden, nicht zum Rückzugsort. Es ist eine Landschaft, die auf Selbstzerstörung eingestellt ist. In diesem neu gedachten Anti-Eden gelten keine bukolischen Ideale.

Tony Heywood (*1958) beschäftigt sich vor allem mit neuen Wegen der Auseinandersetzung mit und Darstellung von Landschaft und Natur. Er verbindet Land Art, Skulptur, Malerei, Video und Performance, und einzelne Arbeiten können in ihrer endgültigen Realisierung oft Elemente aus all diesen Disziplinen enthalten. Bemerkenswert sind die Einbeziehung von lebendem Pflanzenmaterial und die Nutzung des Gartens als skulpturales Medium. Seine Arbeiten variieren in ihrem Umfang von groß angelegten öffentlichen Aufträgen, die viele Hektar umfassen, bis hin zu kleineren Arbeiten wie Mikrolandschaften in Petrischalen. In den letzten Jahren sind viele Arbeiten gemeinsam mit Alison Condie entstanden.


Hannah Stippl.

Die Natur, trotz ihrer evolutionären Veränderung von unveränderlichen Gesetzen beherrscht, als verlässliches und manchmal auch unberührtes Gegenüber des Menschen gibt es nicht mehr. Hat es sie je gegeben? Die ökologische Krise ist nicht nur eine Krise der Natur, sie ist in gleichem Ausmaß eine Krise der Kultur.

Die ununterscheidbare Verschmelzung von Natur und Kultur zu hybriden Objekten steht im Zentrum der Serie "Wie von der Erde sprechen", die im Frühjahr 2020 begonnen wurde. Im Zentrum steht die Beschäftigung mit Bruno Latours Analyse der Klimakrise in "Facing Gaia". Hannah Stippl interessiert die Struktur und der Aufbau von Landschaften, der Punkt, an dem sich Landschaften in Muster auflösen, an dem sie durchdrungen sind von diesen Mustern. Der naiv-moderne Beobachter glaubt sich in keiner Weise der Natur verbunden, über die er aber frei verfügen kann. Die zeitgenössischen Krisen zeigen das wahre Ausmaß dieses Irrtums. Mensch und Natur sind verbunden, nur six degrees of separation - oder besser - six degrees of connection. Das betrifft die Beziehung zu einem Markt in Wuhan ebenso wie zu den Bäumen des Amazonas, den Fischen der Donau oder der Eisschmelze in Grönland. Der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien kann einen Tornado in Texas auslösen, ein in Texas achtlos weggeworfener Kaffeebecher kann diesen Schmetterling tödlich treffen. Das heißt: Wir leben inmitten eines komplizierten Netzwerkes aus zahllosen Dingen und Lebewesen, verstrickt in die globalen Auswirkungen des Kapitalozäns.

Hannah Stippl (*1968) studierte Malerei und Graphik an der Universität für angewandte Kunst Wien, wo sie 2011 auf dem Gebiet der Landschaftstheorie promovierte. Ihre Dissertation bietet den ersten umfassenden Überblick über die landschaftstheoretischen Aquarelle von Lucius Burckhardt. Von 2005 bis 2017 unterrichtete sie an der Universität für angewandte Kunst in der Klasse für Landschaftsdesign/kunst. Ihre theoretische Beschäftigung mit kulturhistorischen und ökologischen Aspekten von Pflanzen, Gärten und Landschaften beeinflusst ihre künstlerische Arbeit grundlegend. Hannah Stippl kuratierte zahlreiche Ausstellungen und leitet den Ausstellungsraum puuul in Wien. Sie lebt und arbeitet abwechselnd in Wien, in Elsbach, Niederösterreich und Aguilas, Spanien.